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von Andreas Aichinger

Pierers KTM-ABC: Kontakte. Tempo. Mut.

Am Anfang war eine Bäckerei – und am Ende zittern sogar Japans Zweirad-Giganten. Stefan Pierer über die wahre KTM-Story, rot-weiß-rote Blockierer und seine fast schon verwegenen Pläne. Und auch das aktuelle Hobby des Neo-60ers dürfte überraschen.

Unternehmerischen Mut kann man nicht kaufen: Gerade einmal 35 Jahre alt ist der gebürtige Steirer Stefan Pierer, als er sich im Jänner 1992 den schwer angeschlagenen Motorradhersteller KTM zur Brust nimmt. Gemeinsam mit Partnern legt der Absolvent der Montanuniversität Leoben und spätere Prokurist beim Heizungshersteller Hoval damals schlappe 55 Millionen Schilling – rund vier Millionen Euro – auf den Tisch, um der Marke mit dem ursprünglich für „Kronreif & Trunkenpolz Mattighofen“ stehenden (und gelegentlich als „keine tausend Meter“ verspotteten) Kürzel „KTM“ neues Benzinleben einzuhauchen. Es folgen rasantes Wachstum, aufsehenerregende Erfolge im Motorsport, der Gang an die Börse.

Fast forward in die Gegenwart: Die Business-Motoren der Marke mit der Brand-Farbe Orange laufen wie geschmiert. Mit einem Umsatz von über 1,3 Milliarden Euro (plus zehn Prozent) und einem Ergebnis nach Steuern von 89 Millionen Euro (plus 37 Prozent) kann die KTM Industries-Gruppe im Geschäftsjahr 2016 ein Rekordergebnis einfahren. Und das zum sechsten Mal in Folge. Mit über 200.000 verkauften Motorrädern ist die KTM AG zudem längst der größte Hersteller Europas und die am schnellsten wachsende Motorradmarke weltweit. Im Interview gewährt Stefan Pierer – der vergangenen November seinen 60. Geburtstag feierte – seltene Einblicke:

 

Ihre persönliche KTM-Geschichte beginnt mit der Sanierung einer Bäckerei der Familie Kinigadner in Tirol, richtig?

Stimmt. Heinz Kinigadner ist eine der wenigen österreichischen Motorsport-Ikonen, er war 1984 und 1985 Weltmeister. Ich habe ihn Ende der 80er-Jahre kennengelernt, als ich schon in der Sanierungsszene bekannt war. Eines Tages hat er mich angerufen und gesagt: „Ich habe ein Problem.“ Aus diesem Anruf und dieser Sanierung heraus ist alles entstanden, auch unsere Freundschaft. Mitte 1991 hat mich Heinz, der als langjähriger KTM-Rennfahrer alle Kontakte hatte, dann auf das Missmanagement im Unternehmen hingewiesen. Andererseits hat mich der junge Industriedesigner Gerald Kiska, der damals einen Designauftrag für KTM übernommen hatte, auf Zahlungsschwierigkeiten bei KTM aufmerksam gemacht. Also habe ich mir das angesehen, mich schlaugemacht, und so hat alles begonnen.

 

Josef Taus war damals mit der Sanierung des Unternehmens gescheitert. Sie haben einmal gesagt, dass sein Scheitern die Chance Ihres Lebens gewesen ist …

Dazu stehe ich. Die Erfolgsgeschichte von KTM basiert auf der Fokussierung. Man muss ein Produkt in vollem Umfang verstehen. Die Mannschaft, die damals am Ruder war, hatte aber wenig Ahnung von Motorrädern. Dieses hohe Risiko des Scheiterns wurde 1991 tatsächlich zur größten Pleite in Österreich. Dass Sanierer wie Taus damals so einen guten Ruf genossen haben, hat für uns den Start erschwert. Viele dachten, dass das Motorrad dem Tod geweiht ist. Wir haben deshalb anfangs keinen Bankkredit bekommen, mussten alles mit Eigenmitteln finanzieren. Aus heutiger Sicht war das aber positiv, weil wir schnell und völlig unabhängig Entscheidungen treffen konnten.

 

Woher nimmt man mit 35 Jahren den unternehmerischen Mut zu so einem Engagement?

Das Unternehmertum muss man in der DNA haben. Trotz aller Erfahrungen und noch so vieler Kurse: Entweder haben Sie dieses Unternehmer-Gen – oder eben nicht. Wir haben uns damals fast ein halbes Jahr lang systematisch auf den Einstieg bei KTM vorbereitet, uns eingearbeitet, Planspiele gemacht und mit den wichtigsten europäischen Generalimporteuren Kontakt aufgenommen. Auch sie haben Eigenkapital investiert und so doppeltes Commitment gezeigt. Die daraus resultierende Sicherheit, auch ältere, nicht ganz so gute Produkte verkaufen zu können, war ganz wichtig für uns. Wir waren eigentlich sehr gut vorbereitet, als wir am 7. Jänner 1992 mit 160 Mitarbeitern und 6.700 Motorrädern begonnen haben.

 

Heute ist KTM der größte Motorradhersteller Europas. Was waren im Rückblick die wichtigsten Weichenstellungen zum Erfolg?

Das werde ich sehr oft gefragt. Erstens haben wir sofort erkannt, dass KTM eine sehr starke, weltweit bekannte Marke in einer kleinen Nische war. Und zweitens waren die technischen Lösungen und die Motor-Performance extrem gut. Das Unternehmen hatte damals auf der Motorenseite technologisch moderne Konzepte, die aber qualitativ nicht entsprechend waren. Also haben wir beim Ausbau der Marke, der Qualität und vor allem beim Design angesetzt, wo Gerald Kiska seit über 25 Jahren der Erfolgsfaktor ist. 1994 haben wir erstmals an der damaligen Rallye Paris-Dakar teilgenommen und seit 2001 auch immer gewonnen. Das hat die Marke KTM über die Motorrad-Community hinaus weltweit bekannt gemacht. Den ersten Börsengang 1996 konnten wir nutzen, um das Kapital für den Einstieg bei den Straßenmotorrädern aufzustellen – eine schwierige, aber strategisch richtige Entscheidung. Da hat es viele Zweifler gegeben. Aber wir haben gezeigt, dass auch wir auf der Straße Weltspitze sind.

 

Worauf sind Sie als Unternehmer besonders stolz?

Auf den ersten Börsengang, weil er uns international bekannt und professionell gemacht hat. Das war ein wertvoller Intensivkurs, wie man das Unternehmen international bei Investoren präsentieren muss. Viele der Analysten und Fondsmanager waren gute, kompetente Gesprächspartner, die uns den Spiegel vorgehalten und uns so weitergebracht haben. Die Strukturen des Unternehmens sind viel professioneller geworden. Die Berichtsstrukturen und Compliance-Regeln einer AG waren prägend und bildeten die Grundlage für unser weiteres Wachstum.

 

Aber jetzt haben Sie die Liebe zum Finanzplatz Zürich entdeckt und den Prime Market der Wiener Börse verlassen. Die Gründe?

Die Dimension des Unternehmens ist mittlerweile so groß, dass wir beschlossen haben, uns professionell an der Börse in Zürich zu positionieren. Mittlerweile geht es dabei auch um die Absicherung einer nicht ganz kleinen Unternehmens­gruppe. Der österreichische Kapitalmarkt hingegen erfüllt nicht mehr ausreichend unsere Erwartungen und Anforderungen. Die überbordende Regulierung, gesetzliche Unklarheiten, unterschiedliche Interpretationen der Normen, neue Strafmaßnahmen aus Brüssel, das Fehlen von One-Stop-Shop-Strukturen – all das wirkt sich negativ auf den Standort aus. Es gibt wenig Rechtssicherheit, auch weil das Kapitalmarktgesetz schlampig formuliert ist und viele Interpretationsspielräume zulässt. Der Dritte Markt der Wiener Börse, der vielversprechend eingeführt wurde, hat seinen Härtetest nicht bestanden.

 

Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit mit dem indischen Motorradproduzenten Bajaj?

2006 haben wir uns strategisch auf die Suche nach einem Fertigungsproduktionspartner in Indien gemacht, um kostengünstig Einstiegsmotorräder herstellen zu können. Zufällig hat gleichzeitig Bajaj nach Partnern mit State-of-the-Art-Technologie gesucht und in der Folge bei uns angeklopft. 2007 haben wir uns getroffen, Chemie und Konzept haben gepasst. Sie bekommen von uns die benötigte Technologie, wir bekommen KTM-Produkte für die Einstiegssegmente. Die strategische Partnerschaft mit Bajaj hat uns in die Lage versetzt, wettbewerbsfähige Einstiegsmotorräder für unsere etablierten Märkte und gleichzeitig Premiumprodukte für die Emerging Markets anzubieten. Das war der Durchbruch in Asien und in Lateinamerika.

 

Haben Sie auch Fehler gemacht, wie sehen Sie das heute?

Unternehmertum heißt Trial and Error, Versuch und Irrtum, und dafür muss man sich nicht schämen. Nur so lernt man, was funktioniert und was nicht. So viel Risiko wie damals in bestimmten Situationen als junger Unternehmer würde ich heute nicht mehr nehmen. Aber bei manchen Entscheidungen geht man als Unternehmer auch über das Limit hinaus. Das ist wie im Rennsport: Ein Rennmotorrad bringt man nur dann an die Spitze, wenn man über die Grenze gegangen ist und es einmal umgelegt hat. Wir lernen aus dem Rennsport, mit völlig ungeplanten, schwierigen Situationen umzugehen. Wer dort am schnellsten reagiert, ist der Gewinner. Eine konkrete Fehlentscheidung war die strategische Kooperation mit dem US-amerikanischen Hersteller von Vierrad-ATVs (Anm.: All-Terrain Vehicles) Polaris. Also das hätte ich mir aus heutiger Sicht sparen können.

 

Die Finanzkrise des Jahres 2008 hat KTM ebenfalls ge­beutelt. Das Land Oberösterreich hat geholfen …

Ja, die Finanzkrise hat uns voll getroffen. Der Markt ist weltweit in sich zusammengebrochen, teils um mehr als 50 Prozent, bei uns Gott sei Dank nur um 25 bis 30 Prozent. Aber wir mussten eine sehr schwierige Restrukturierung durchziehen, der Kapitalmarkt war tot, das war eine harte Zeit. Zudem mussten wir Anfang 2009 eine Anleihe refinanzieren, wobei wir selbst fast 40 Millionen Eigenkapital eingebracht haben, den Rest ein österreichisches Bankenkonsortium dank einer Ausfallshaftung des Landes Oberösterreich. Nur drei ober­österreichische Leitbetriebe – neben KTM die voestalpine und Lenzing – haben die bekommen, darauf bin ich stolz. Das war eine ganz wichtige Entscheidung, das muss man Alt-Landeshauptmann Josef Pühringer hoch anrechnen.

 

Wie zufrieden sind Sie denn derzeit mit der heimischen Politik?

In Oberösterreich bin ich sehr zuversichtlich, der Übergang ist gelungen. Österreichweit ist die Arbeitszeitflexibilisierung das wichtigste Thema, auch die Mitarbeiter wollen das. Ich bin einer, der die Hoffnung nicht aufgibt und gespannt auf eine Lösung der Politik wartet. Die Sozialpartner jedoch, die in Zwangsmitgliedsbeiträgen schwimmen, sind für mich die Blockierer der Nation. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch und tue mir schwer mit Zwangsmitgliedschaften. Deshalb schätze ich einen freiwilligen Verein wie die Industriellenvereinigung und engagiere mich auch selbst dort.

 

KTM hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Nummer drei der Welt zu werden. Realistisch?

Jawohl. Wir stehen jetzt bei jährlich 200.000 Motorrädern, 300.000 sollen es bis ins Jahr 2021 werden. Suzuki ist kein Thema mehr, aber Kawasaki möchten wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren überholen. Zum Millennium war ich in München auf einer Messe und habe dort gesagt, dass ich Europas Größter werden will – zwölf Jahre später war es so weit. Wachstum erwarten wir durch unsere Zweitmarke Husqvarna, die noch ungeahnte Möglichkeiten bietet. Zum anderen werden wir mit Modellen der 800-Kubikzentimeter-Mittelklasse die letzte fehlende Lücke im KTM-Portfolio schließen. Schließlich wollen wir in manchen Absatzmärkten wachsen, vor allem in den ASEAN-Ländern. Wir haben gemeinsam mit einem starken lokalen Partner – der Ayala Group – ein Montagewerk auf den Philippinen hochgezogen, von dort aus können wir Länder wie Kambodscha, Vietnam, Thailand und sogar China zollfrei beliefern.

 

In Ihrer Freizeit lesen Sie gerne kluge Bücher …

Stimmt. Die Volkswirtschaftslehre ist ein persönliches Hobby von mir, das ich pflege und in dem ich mich weiterbilde. Ich bin ein Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Es ist fast schon pervers, dass uns ausgerechnet in Österreich die Lehren von prägenden Figuren wie Schumpeter, von Hayek und von Mises abhanden gekommen sind. Ich habe mich aber auch näher mit der Biografie von Donald Trump auseinandergesetzt. Er ist als Unternehmer öfter gescheitert, als ich gewusst habe. Ich habe ihn als Businessman überschätzt.

 

Sie engagieren sich auch in der Stiftung für Rückenmarksforschung „Wings for Life“ von Heinz Kinigadner und Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz. Eine Antwort auf die Sinnfrage?

KTM und Red Bull verbinden einige Parallelitäten. Dietrich Mateschitz und ich haben uns ziemlich zeitgleich selbst­ständig gemacht, man kennt sich, man schätzt sich. Es ist eine Freundschaft, und immer wenn wir Rennsport betreiben, ist Red Bull an unserer Seite. Kinigadners Familiengeschichte zeigt, dass Querschnittslähmungen in der Motorradbranche leider ein Thema sein können. Wings for Life versucht, hier etwas zu bewegen, deswegen engagieren wir uns dort. Zur Sinnfrage: Das letzte Hemd hat ja keine Taschen. Wenn ich einmal zurückblicke, würde ich gerne sagen: „Das war ziemlich cool, that’s it.“