Leaders

von Hans Schneeweiß

Alles wird digital

Die Digitalisierung ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern heute schon in fortschrittlichen Unternehmen Alltag. Wir haben einige CEOs befragt, wie die digitale Welt bereits jetzt ihr Arbeitsumfeld verändert hat.

Bis vor wenigen Jahren konnte man ein Buch nur in einem Geschäft kaufen oder in einer Bibliothek leihen. Allerdings bekam man das gesuchte Buch nicht überall, denn die Verfügbarkeit eines „anfassbaren“ Produktes ist durch Druck, Transport und Verkauf zeitlich und örtlich begrenzt. Bücher können auch ausverkauft oder vergriffen sein. Der Online-Verkauf begründete dann den E-Commerce. Heute ermög­lichen E-Books ganz neue Geschäftsmodelle, wie etwa eine Leseflatrate, man kann sogar seine eigene Biografie, das eigene Facebook-Leben, als Social Book binden lassen. Anderes Beispiel: die Taxibranche. Sie war bis vor Kurzem ein festgefahrener Markt, Fahrer waren abhängig von den Taxizentralen, denen sie Monatspauschalen zu bezahlen hatten. Heute können Fahrgäste über die mytaxi-App einen Chauffeur rufen. Statt einer Monatspauschale zahlen mytaxi-Fahrer nur pro Vermittlung. Und Uber lässt nebenbei auch Privatleute als Taxifahrer Geld verdienen. Oder die Industrie: Viele Maschinen in Fabriken werden, trotz Automatisierung, von Menschen bedient und gewartet. Diese Arbeitskräfte benötigen eine gute Ausbildung, damit sie die Anlagen steuern und im Bedarfsfall reparieren können. Mit der Industrie 4.0 übernehmen Maschinen selbst immer komplexere Aufgaben und können sich sogar gegenseitig steuern. Die Digitalisierung braust wie eine Flutwelle über die Unternehmenslandschaft – und bringt eine ganz neue Welt. Einige Branchen haben sich aufgrund der Digitalisierung bereits stark verändert, andere sind mittendrin und vielen steht es noch bevor.

Auch heute noch verstehen manche unter Digitalisierung lediglich das Überführen von Papierprozessen in digitale Abläufe. Die Digitalisierung, oder digitale Transformation, ist aber ein Veränderungsprozess, der die gesamte Gesellschaft betrifft. Auch der Wandel hin zu elektronisch gestützten Prozessen mittels Informations- und Kommunikationstechnik wird als Digitalisierung bezeichnet. Der Beginn des „digitalen Zeit­alters“ wird übrigens mit dem Jahr 2002 datiert. Etliche Wissenschaftler gehen davon aus, dass es damals der Menschheit zum ersten Mal möglich war, mehr Information digital als analog zu speichern. Nur fünf Jahre später war der größte Anteil von Informationen auf Disketten, Festplatten, CD-ROMs und DVDs gespeichert. Im Jahr 2010 waren weltweit schon 1,2 Zettabyte in Umlauf. Das ist ein DVD-Stapel, der von der Erde bis zum Mond reicht – und zurück. 2015 erzeugten die weltweit drei Milliarden Web-Nutzer sowie die vielen Milliarden via Internet vernetzten Geräte inzwischen 2,5 Trillionen Byte Daten – täglich. Das sind schier unendlich große Datenmengen und bedeutet aber auch, dass über 90 Prozent der heute verfügbaren Informationen allein in den vergangenen Jahren erzeugt wurden.

In Österreich verdoppelt sich das Datenvolumen alle zwei Jahre. 2016 wurde durch den großflächigen Ausbau des A1-Glasfasernetzes die Breitbandversorgung für mehr als 500.000 Haushalte verbessert. „Die Telekommunikation bildet als kritische Infrastruktur das technologische Rückgrat der Digitalisierung“, sagt Margarete Schramböck, CEO A1. „Als Telekommunikations- und IT-Unternehmen stärkt A1 mit den Investitionen in den Netzausbau und den Internetzugang die Lebensadern der Wirtschaft und treibt die Digitalisierung im Land voran.“ Erst vor Kurzem hat A1, zusammen mit dem Bundeskanzleramt, ein Cross-Mentoring-Programm gestartet, in dessen Fokus die immer stärkere Digitalisierung in allen Bereichen steht. „Nicht nur die junge Generation, sondern auch ältere Mitarbeiter schätzen die Möglichkeit, mobil und in virtuellen Teams zu arbeiten“, erklärt Schramböck. „Wichtig ist, entsprechende Rahmenbedingungen und Regeln aufzustellen, damit für Führungskräfte und Mitarbeiter mobiles Arbeiten zum Erfolgsfaktor wird.“ Damit die Bandbreiten stimmen und man unterwegs flott im Web surfen kann, gilt es, auch die Netze auf den letzten Stand der Technik zu bringen. Bereits Ende 2015 wurde der 4G/LTE-Ausbau weitgehend abgeschlossen. In manchen Ländern sind die Wellen zum Surfen allerdings noch höher. „Nationen wie etwa Schweden, Dänemark und Korea haben früh die Wichtigkeit von 5G erkannt und sind bereits in den Umsetzungsschritten ihrer verabschiedeten 5G-Strategien“, sagt Schramböck. „Für Österreich ist es nun essenziell, diesem Vorbild zu folgen und rasch die richtigen Stellschrauben zu setzen.“

Für Thomas Lutzky, Geschäftsführer von Phoenix Contact, ist der Netzausbau ebenfalls ein wichtiges Kriterium. „Seitens der Endgeräte kann hervorragende Technologie genutzt werden“, sagt er. „Im Rückstand sind wir bei der Infrastruktur. Der Breitbandausbau und die Versorgung öffentlicher Plätze und Einrichtungen sowie öffentlicher Verkehrsmittel mit WLAN müssen rasch vorangetrieben werden.“ Das Unternehmen bietet Komponenten, Systeme und Lösungen im Bereich der Elektrotechnik, Elektronik und Automation an. Zu den Highlights des Jahres 2017 zählen etwa ein Überspannungsschutz für MSR-Technik, ein kompaktes Bluetooth-Funkmodul für drahtlose Signalübertragung oder eine WLAN-Lösung für den Maschinenbau. „Verfolgt man das Ziel einer vernetzten, flexiblen Produktion im Sinne des Industrie-4.0- Ansatzes, muss die zugrunde liegende Automatisierungslösung anpassungsfähiger und kommunikativer werden“, sagt Lutzky. „Alle Teilnehmer des Automatisierungssystems lösen ihre statischen Verbindungen, um dynamisch über Anlagen und Firmengrenzen hinweg Daten auszutauschen. Nur so wird es möglich sein, Produkte langfristig wettbewerbsfähig auf den internationalen Märkten anbieten zu können.“ Vor diesem Hintergrund entwickelt Phoenix Contact mit der PLCnext Technology eine neue, offene Steuerungsplattform. „Die Lösung erlaubt das parallele Programmieren auf Basis etablierter Software-Tools, wie Visual Studio, Eclipse, Matlab Simulink und PC Worx, sowie die frei wählbare Verknüpfung von deren erstelltem Programmcode“, erörtert Lutzky.

Für Isabella Mader, Vorstand und CIO des Excellence Institute, ist die Digitalisierung weniger mit Produkten verknüpft. Sie leitet im Excellence Institute die Strategieentwicklung, die IT-Strategie, Informations- und Wissensmanagement, Open Innovation und Collaboration. 2013 war sie übrigens in Österreich Top-CIO des Jahres. „Das Berücksichtigen und Um­setzen des Wandels bei Technologien und Kundenbedürfnissen war zu allen Zeiten ein Muss der unternehmerischen Verantwortung, nicht nur heute“, erklärt Mader. „Für den Weg in die Digitalisierung gilt zusätzlich: Hinterfragen Sie Ihr Geschäftsmodell! Das größte unternehmerische Risiko war schon immer, nicht zu reagieren. Die sichere Variante ist das Ergreifen neuer, zusätzlicher Chancen: Sie haben bisher verkauft? Vermieten Sie (online!) – vielleicht sogar ,on Demand‘ oder ,as a Service‘!“ Das Excellence Institut erstellt übrigens Studien und Analysen, ortet Muster und Trends und entwickelt Strategien für verschiedene Unternehmen. „Wir schleppen heute schweres Baumaterial nicht mehr von Hand – wir haben Kräne und Menschen, die Kräne bauen, designen und bedienen. Um den Menschen über schwere Fronarbeit zu erheben, war allerdings Bildung nötig“, sagt Mader. „Produkte sind heute durch technologischen Fortschritt für die Massen verfügbar, die ihres Preises wegen früher nur Eliten vorbehalten waren.“ Ein richtiger Schub findet heute wieder statt – allerdings müssten Politik und Medien dafür sorgen, dass auch Durchschnittsbürger von Anfang an die Vorteile der Digitalisierung nutzen können. Mader sieht aber ein Problem in der Überreglementierung: „Überregulierung mit einer jetzt noch erweiterten statt abgespeckten Gewerbeordnung verunmöglicht, erschwert und verteuert in vielen Fällen neue Geschäftsmodelle oder Konzepte, die dann eben in Silicon Valley umgesetzt werden. Überregulierung beschädigt den Standort.“ Dazu kommt noch ein gravierender Fachkräftemangel. „In ganz Europa fehlen, laut EU-Kommission, allein in der IT über 500.000 Fach­kräfte. In Österreich brüsten wir uns, dass wir die Anzahl der Studienzulassungen in Informatik reduzieren, weil wir nicht mehr Studierende betreuen können. Die Frage ist: Warum können wir nicht mehr betreuen?“, so Mader. „Eine Anhebung der Bildungsbudgets um ein paar Prozent wird hier nicht ausreichen. Ein Mehrfaches der bestehenden Bildungsbudgets wird nötig sein, um den Standort zu sichern. In der Kreisky-Ära wurde massiv in Forschung und technologische Ausbildung investiert. Bis heute sind österreichische Unternehmen auf der Basis dieser Absolventen international führend – etwa im Maschinenbau. Staaten, die hier so wie Österreich ab­bauen oder maximal marginal nachbessern, beschädigen ihre eigene wirtschaftliche Zukunft.“

„In den 70ern titelten die Medien: ,Fortschritt macht arbeitslos.‘ Er schafft aber auch Wachstum. Tatsächlich wurden über alle Innovationswellen der letzten Jahrzehnte, von Mecha­nisierung über Elektrifizierung bis zu Automatisierung, am Ende mehr und höherwertige Arbeitsplätze geschaffen“, sagt Andreas Obermüller, Geschäftsführer der Vace Group. „Die Herausforderung für Unternehmen liegt in der Gestaltung der Übergangsphasen in neue Arbeitswelten, begleitet durch einen effizient gestalteten Sozialstaat europäischer Prägung.“ Vace ist in den letzten drei Jahren kräftig gewachsen und heute an jetzt jeweils vier Standorten in Österreich und Deutschland mit insgesamt 1.200 Mitarbeitern aktiv. Mit Hardware, Software, Entwicklung und Wartung bietet die Gruppe ein Rundum-sorglos-Programm. „Digitalisierung lässt zusammenwachsen, was heute noch getrennt ist“, sagt Obermüller. „Laut Studien werden in den nächsten Jahren rund 50 Milliarden Geräte global vernetzt sein, daraus ergeben sich völlig neue Möglichkeiten für Wirtschaft und Leben.“ Aber Digitalisierung schafft auch Schlupflöcher für Unternehmensfremde. „Höchste Priorität muss haben, wer oder was digitalen Zutritt erhält und wie Daten am Übertragungsweg gesichert werden. Hier setzt unsere Dienstleistung an – wir tragen zur nötigen IT-Sicherheit bei der Digitalisierung von Geschäftsmodellen bei“, so Obermüller. „Da bleibt noch einiges an Basisarbeit zu leis­ten: Laut jüngsten Befragungen sind alleine in Deutschland über 60 Prozent der Unternehmen auf Cyberangriffe nicht oder nicht genügend vorbereitet.“ Aber man erkennt zunehmend, dass man Daten schützen muss. „Das Portfolio der Vace Security ist auf diesen steigenden Bedarf ausgelegt. Es umfasst die Bestandsaufnahme der aktuellen Sicherheitssituation im Unternehmen genauso wie Computerforensik und Hacking-Versuche sowie Phishing-Simulationen. Auch mit der Bereitstellung eines Datenschutzbeauftragten können wir die Nachfrage auf Basis unseres Industrie-Grundverständnisses gut adressieren.“

„Für Atos ist die Digitalisierung eine unglaubliche Chance, gemeinsam mit unseren Kunden Value Chains völlig neu gestalten zu können, weil die Technologie, insbesondere die IT, ein wesentlicher Treiber der Entwicklung ist – und das ist unser Kerngeschäft“, sagt Hanns-Thomas Kopf, Chief Executive Officer Atos Central and Eastern Europe. Als europäischer Marktführer für Big Data, Cybersecurity, High Performance Computing und Digital Workplace unterstützt Atos Unternehmen mit Cloud Services, Infrastruktur- und Datenmanagement sowie Business- und Plattform-Lösungen und schloss das Wirtschaftsjahr 2016 mit einem Rekordwert ab: Das Netto-Ergebnis lag gleich um 40 Prozent über jenem des vorangegangenen Jahres. „Wir müssen erkennen und akzeptieren, dass mit der dritten digitalen Revolution kein temporäres Phänomen gemeint ist, sondern tatsächlich eine neue, nachhaltige Ära begonnen hat“, sagt Kopf. „Zum anderen braucht es in Unternehmen neue Ressourcen und Verantwortlichkeiten, welche die Mehrwerte der Digitalisierung für ihre Branche verstehen und umsetzen können. Beispiel Automobilbranche: Tesla ist in meinen Augen kein Automobilhersteller, der Elektromotoren verbaut, sondern einer, der mit seinen Services die Mobilität neu definiert.“ In der Wiener Seestadt Aspern betreibt Atos eine Industrie-4.0-Pilotfabrik, die für den zentraleuropäischen Raum einzigartig ist – zu den Themen SAP HANA, digitaler Arbeitsplatz, Cloud und Atos Codex werden gemeinsam mit den Kunden umfassende Lösungen entwickelt. „In unserer Branche leisten die Ausbil­dungsstätten sehr gute Arbeit, jedoch würde ich mir tendenziell mehr Studenten und Absolventen der sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) wünschen“, stellt Kopf fest. „In Anbetracht der Digitalisierung wird es der Wirtschaftsstandort dringend brauchen. Erschwerend hinzu kommt auch die demografische Entwicklung. Österreich wird immer älter und entsprechend weniger wird die Anzahl der jungen Talente.“

„Speziell im Bereich Recruiting gehen wir aktuell ganz neue Wege“, sagt Klaus Schmid, CEO bei NTT Data. „Was interessiert die High Potentials wirklich, welches Arbeitsumfeld bringt ihnen Freude und lockt Engagement aus ihnen heraus?“ So gehören etwa ein psychometrischer Test, Persönlichkeits-Profiling, Telefon-, Face-to-Face- und Video-Interviews zum Recruitment-Prozess. Denn schließlich geht es um die richtigen Mitarbeiter, die das Unternehmen auf dem Weg in die Digitalisierung mittragen sollen. „Es geht dabei ganz stark um Diversität, also darum, möglichst viele Gedanken und Ideen einzubinden und diese bei der Entwicklung der Organisation zuzulassen, sowie um einen tragfähigen Grundgedanken des Konstruktivismus“, erklärt Schmid. „Die beiden wesentlichen Grundvoraussetzungen dazu sind: keine Scheu zu haben vor der rasant ansteigenden Komplexität und eine Kultur zu entwickeln, die mit der Komplexität umgehen kann.“
So hat NTT Data vergangenes Jahr in München das erste europäische Innovationszentrum gegründet, gemeinsam mit Dimension Data neue Cloud-Lösungen entwickelt und heuer bereits die Servicequalität der ÖBB auf eine neue Ebene gehoben. Trotzdem machen die Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt – die übrigens auch schneller spürbar sein werden als alle Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten, ja, sogar Jahrhunderten –, vielen Menschen auch Angst. „Ich denke, das sind sehr reale Befürchtungen, die man auch ernst nehmen muss“, gibt Schmid zu bedenken. „Aber wir dürfen nicht müde werden, die Vorteile und Chancen der Digitalisierung in einem konstruktivistischen Sinne zu nützen und uns darauf vorzubereiten. Dazu gehört sicher viel Kommunikation – allen voran natürlich die digitalen sowie die analogen Medien, die damit auch das Bildungsumfeld an­feuern können.“