Leaders

von Andreas Aichinger

Porsche à la française

Seit fast fünf Jahren sitzt Alain Favey im Cockpit der Porsche Holding Salzburg. Und der Motor von Europas größtem Autohandelsunternehmen brummt. Doch jetzt will der Franzose mit Citroën- und VW-Vergangenheit auch digital Gas geben.

Unmittelbar nach dem Studium an der „École des hautes études commerciales“ (HEC) in Paris – an der übrigens auch Frankreichs Staatspräsident François Hollande einen Abschluss erworben hat – tritt Alain Favey 1989 in die Dienste des Autoherstellers Citroën ein. Nach verschiedenen Aufgaben im Vertrieb und Marketing ist der polyglotte Franzose als Managing Director in Dänemark, Belgien, Großbritannien, Italien und Frankreich tätig. Nach 20 Jahren bei Citroën wechselt der 1967 geborene Favey im April 2009 in den Volkswagen Konzern, und zwar als Vertriebsleiter Europa für die Marke Volkswagen Pkw. Als die Volkswagen AG im März 2011 die Porsche Holding Salzburg für 3,3 Milliarden Euro erwirbt, nimmt der VW-Manager schon wenige Monate später im Porsche-Chefsessel Platz – als Sprecher der vierköpfigen Geschäftsführung.

Im Rahmen von Europas größtem Automobil-Handelsunternehmen – nicht zu verwechseln mit Konzernschwester und Sportwagenhersteller Porsche AG in Stuttgart-Zuffenhausen – ist er für die Bereiche Großhandel, Personal sowie PR zuständig. Und das mit großem Erfolg. Das nach dem Krieg von den beiden Kindern Ferdinand Porsches – Louise Piëch und Ferry Porsche – gegründete Unternehmen ist heute in 22 Ländern Europas sowie in Südamerika, China und Malaysia tätig. Mit Ende 2015 beschäftigte die Porsche Holding GmbH etwas mehr als 33.000 Mitarbeiter (Österreich: 5.900), die im Vorjahr mehr als 670.600 Neuwagen verkauft und einen Umsatz von 18,8 Milliarden Euro (davon Österreich: 5,1 Milliarden Euro) erwirtschaftet haben. Wie das Unternehmen seiner Sonderrolle im VW-Konzern auch als Vordenker in Sachen Vertrieb gerecht werden will, erzählt Favey im folgenden Interview.


Gehen wir zu Beginn zurück ins Jahr 2012. Wie wurden Sie denn eigentlich bei Ihrem Dienstantritt in der Porsche Holding als VW-Manager empfangen? Mussten Sie erst Überzeugungsarbeit leisten?
In den ersten Tagen hat es – wie in jeder Firma, die einen neuen Chef bekommt – logischerweise Neugierde und eine gewisse Hemmschwelle gegeben. Aber schon bald ist es nicht mehr um den Volkswagen-Manager gegangen, sondern um die Person. Ich habe sehr schnell gezeigt, dass mir der Teamgeist sehr wichtig ist. Wir hatten vielleicht in der Vergangenheit noch die Tendenz, dass die einzelnen Geschäftsbereiche – Händler, Importeur und Porsche Bank – zu sehr für sich gearbeitet haben. Mir war daher wichtig, diesen Teamspirit zu wecken. Meine Kollegen und deren Mitarbeiter haben schnell gemerkt, dass das für die Entwicklung der Firma positiv ist. Meine Herkunft war dann bald kein Thema mehr.

Welche erste persönliche Bilanz ziehen Sie denn nach beinahe fünf Jahren als Sprecher der Geschäftsführung?
Die Entwicklung der Porsche Holding in der Vergangenheit zeigte stets nach oben. Auch die Bilanz der letzten Jahre war extrem positiv. Wir haben in dieser Zeit einen regelrechten Wachstumsschub erlebt. Der Umsatz wuchs von elf Milliarden Euro im Jahr 2011 auf knapp 19 Milliarden im Vorjahr. Die Anzahl der Mitarbeiter stieg von damals rund 21.000 auf jetzt über 33.000 an. Den größten Anteil daran trägt das Wachstum im Einzelhandel mit der Übernahme der Verantwortung für die rund 160 konzerneigenen Einzelhandelsbetriebe in Deutschland und Spanien. Wir sind aber auch in entfernten Weltregionen an den Start gegangen, etwa in Kolumbien, in Chile und zuletzt in Malaysia, wo die Porsche Holding Salzburg das Großhandelsgeschäft für Volkswagen Pkw übernommen hat.

Signifikante Zuwächse kamen 2015 aber auch aus CEE-Märkten wie Tschechien, Slowenien und Ungarn. Eine Überraschung?
Nein, das war zu erwarten. Diese Märkte waren nach der Krise der Jahre 2008 und 2009 wirklich am Boden. Wir waren sicher, dass es eine Erholung geben wird. Und haben daher unsere Strukturen intakt gelassen, sie zwar adaptiert, aber haben keinem dieser Märkte den Rücken gekehrt. Jetzt sehen wir in der Marktentwicklung, dass sich diese Länder erholt haben, auch in diesem Jahr weiter wachsen und bisher im Vergleich zum Vorjahr 17 Prozent zugelegt haben. Und das Erfreuliche daran ist, die Porsche Holding wächst dort mit. Das ist das Ergebnis unserer langfristigen Strategie.

Der Volkswagen Konzern hat vor dem Sommer die neue Konzernstrategie „Together – Strategie 2025“ beschlossen. Ihre Sicht der Dinge?
Ich denke, dass wir uns immer mehr in Richtung einer zunehmenden Digitalisierung des Geschäfts bewegen. Diese Entwicklung kann nicht an uns vorübergehen. Wir haben weltweit 630 Händler und wir müssen uns Gedanken darüber machen, was es für sie bedeutet, wenn Autos zukünftig auch online gekauft werden. Wir müssen die neuen Kundenbedürfnisse berücksichtigen und diese besser bedienen. Andere Branchen haben bereits neben einer Offline-Struktur einen Online-Vertrieb aufgebaut. Dieser aktuelle Wandel in der Automobilbranche betrifft uns natürlich ganz direkt und wir müssen die richtigen Lösungen dafür finden. Die Bewältigung der digitalen Herausforderung ist für mich eine ganz vordergründige Aufgabe.

In diesem Zusammenhang gibt es ja auch eine Forschungskooperation mit der Uni Salzburg, die sich um ein „Automotive Retail Lab“ dreht, in dem „einzigartige Kauferlebnisse“ entwickelt werden sollen.
Genau. Dieses Thema ist uns sehr wichtig, weil wir als Fachleute in unserem Geschäft oft eine eingeschränkte Wahrnehmung davon haben, was außerhalb unserer klassischen automobilen Welt möglich oder wünschenswert ist. Unsere gemeinsame Projektarbeit und der Input der Universität sollen unseren Blickwinkel weiten und dabei helfen, eben diese Einkaufserlebnisse der Zukunft zu definieren. Das Thema der Digitalisierung hat für uns – wie zuvor bereits angedeutet – sehr große Bedeutung und wir wissen, dass wir bei diesen zukünftigen Themenstellungen die Antworten nicht alleine finden werden. Neben der erwähnten Kooperation mit der Uni Salzburg suchen wir daher auch den Austausch mit einschlägigen Start-ups, und zwar im Rahmen der sogenannten „Porsche Innovation Engine“. Dabei konfrontieren wir Startups mit spezifischen Themen, unterstützen Projekte und versuchen so, realisierbare Lösungen zu entwickeln. Ich bin überzeugt davon, dass wir unsere Innovationskraft auf diesem Weg stärken werden.

Die immer stärkere IT-Durchdringung von Kraftfahrzeugen samt potenziellen Fehlerquellen ruft aber auch Befürchtungen hervor. Was sagen Sie den Skeptikern?
Ich glaube, dass es kein Zurück gibt. Die mobile und die digitale Welt sind gerade dabei, ineinander zu verschmelzen. Trends wie das Connected Car oder das autonome Fahren kommen mit absoluter Sicherheit. Es gibt natürlich noch viele Hürden technischer oder auch rechtlicher Natur, die es zu lösen gilt. Aber der Weg ist ganz klar vorgegeben. Unser Job ist es daher, die zukünftigen Projekte vertriebsseitig vorzubereiten und entsprechend umzusetzen. Und dafür auch die entsprechende Kundenakzeptanz zu generieren. Da gibt es keinen Platz für Skeptiker.

Wo wir schon beim Auto der Zukunft sind: VW-Konzernchef Matthias Müller sorgte kürzlich mit Einblicken zu einem Schnelllade-Projekt für Elektroautos für Schlagzeilen …
Der Volkswagen Konzern hat erkannt, dass die Reichweite der Batterien, ihr Preis und vor allem die Lademöglichkeiten derzeit noch die zentralen Hindernisse sind. Um eine breitere Kundenakzeptanz für E-Autos zu erreichen, ist die Zielvorgabe „80 Prozent der Ladung in nur 15 Minuten“ sicher der richtige Ansatz. Volkswagen plant, bis 2025 Weltmarktführer der Elektromobilität zu sein. Bis dahin möchte der Volkswagen Konzern rund 25 Prozent aller Neuwagen mit Elektroantrieb verkaufen. Wichtig wird dabei aber auch sein, dass für die Kunden die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Diese beinhalten auch eine flächendeckende Infrastruktur an Lademöglichkeiten, die ein erhöhtes Engagement von Energiebetreibern und öffentlicher Hand erfordert.

Noch aber sind Abgase ein leidiges Thema. Was haben Sie sich eigentlich gedacht, als Sie erstmals von der VW-Abgasaffäre gehört haben?
Das war vor einem Jahr, ich kann mich gut erinnern. Sie hat mich richtig überrascht. Aber nach der Überraschung haben wir uns in Österreich sehr schnell darauf konzentriert, unseren Kunden klar zu kommunizieren, wie wir planen, das Problem zu lösen, und wie wir das Vertrauen wieder herstellen wollen. Das war ganz klar unser Fokus. Und jetzt nach einem Jahr kann ich sagen, dass unsere österreichischen Kunden den Marken treu geblieben sind und wir weder Verkaufseinbußen noch einen messbaren Imageverlust erlitten haben. Dafür sind wir dankbar und froh und sind in hohem Maße bemüht, die Rückrufaktion so rasch und effizient wie möglich im Sinne unserer Kunden abzuwickeln.

Stand Problemlösung auch an der Eliteuni HEC Paris, an der Sie, wie viele bekannte französische Leader, studiert haben, auf dem Stundenplan? Und was haben Sie danach in den 20 Jahren bei Citroën gelernt?
Ich habe an der Hochschule eine Gedankenstruktur vermittelt bekommen, wie man Probleme angeht und löst. Eine strukturierte Herangehensweise, wie man ein Problem definiert, die Lösungsmöglichkeiten bewertet und am Ende zu einer Entscheidung kommt. Das Wissen um diesen Prozess ist mir – neben den fachlichen Themen zu Betriebswirtschaft und Unternehmensführung – bis heute erhalten geblieben. Die zwei Jahrzehnte bei Citroën waren extrem spannend für mich, weil ich ja in vielen verschiedenen Ländern tätig gewesen bin und meine Flexibilität und Fähigkeit zur Anpassung enorm gefordert waren. Mit dem Umstieg zu Volkswagen habe ich auch zu schätzen gelernt, was für ein Asset die Stärke einer Marke ist. In der Volkswagen Gruppe haben wir sehr starke Marken, das war bei Citroën nicht immer der Fall. Mangels Anziehungskraft musste ich damals in manchen Ländern sehr stark kämpfen. Heute weiß ich die Stärke unserer Marken für unser Business umso mehr zu schätzen.

Apropos Citroën: Wen aus den Reihen der legendären Autopioniere würden Sie denn hypothetisch gerne auf einen Kaffee treffen: André Citroën? Ferdinand Porsche? Oder vielleicht doch Henry Ford?
Ehrlich gesagt, ich würde am liebsten Professor Ferdinand Porsches Tochter Louise Piëch, die Gründerin unseres Unternehmens, treffen. Ich habe natürlich in den letzten fünf Jahren sehr viel von dieser visionären Unternehmerpersönlichkeit gehört. Sie hat nach dem Tod ihres Mannes Anton Piëch im Jahr 1952 unsere Firma als Mutter von vier Kindern mit einer bemerkenswerten Kraft und Weitsicht 20 Jahre lang geführt. Mich würde extrem interessieren zu hören, woher sie damals diese unternehmerische Kraft geschöpft hat. Sie ist für mich ein unglaubliches und herausragendes Beispiel österreichischer Wirtschaftsgeschichte.

Auch Sie selbst haben ja vier Kinder, sind mit einer Steirerin verheiratet. Was verbindet Sie mit Österreich und wie pflegen Sie Ihre französischen Wurzeln?
Ich habe meine Frau an der WU Wien im Rahmen des CEMS-Netzwerkes kennengelernt und wir sind jetzt seit fast 25 Jahren verheiratet. Daher habe ich schon seit Langem einen besonderen Zugang zur österreichischen Kultur und habe sie immer geschätzt. Was Frankreich betrifft, muss ich natürlich dafür sorgen, dass meine Kinder auch Kontakt mit meiner Familie haben. Diesen Kontakt pflegen wir sehr und versuchen, regelmäßig nach Frankreich zu kommen. Meine Erfahrung ist: Ich habe mehr Kontakt mit meiner Familie als viele Leute, die zwar nahe beieinander wohnen, sich aber in Wahrheit nie treffen.

Bleibt die Frage nach der Freizeit: Welchen Porsche fahren
Sie privat? Oder vielleicht einen Lamborghini? Oder einen
Bentley?
Da muss ich Sie enttäuschen. Ich habe keine große Auto- Sammlung. In meiner Garage steht in Wirklichkeit nur mein Dienstwagen, ein Audi RS6. Und meine Freizeit-Aktivitäten sind auch nicht sehr außergewöhnlich oder aufregend: Ich versuche einfach, Zeit für die Familie zu haben. Und in der Natur zu sein. Im Winter beim Schifahren, im Sommer beim Wandern. ■